II - martha fine arts edition

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II

... Ich habe die Sprache zwei mal verloren. Und dann ein drittes Mal. Ein Flüchtling aus dem Kongo oder aus den ozeanischen Kolonien könnte es nicht besser. Ich kam in dieser Stadt an wie ein illegaler Einwanderer und über Nacht hörte ich auf zu sprechen. Es gab keine Verwendung mehr für die Sprache. Es gab kein Telephon mehr und keine Nachrichten im Fernsehen. Ich hatte keine Freunde. Ich wollte keine Freunde. Auf der Strasse blieb ich unerkannt. In meinem Zimmer blieb ich allein. Nach vielen Tagen wurde der Verstand klar und die Sinne blieben wach. Ich begann zu riechen und zu schmecken. Ich lebte in meinen Augen. Ich lebte in einem Bagno das keine Verwendung mehr hat für das gesprochene Wort, nur für ein schlichtes Lager um dort einen kurzen, erschöpften Schlaf zu finden. Nur für ein rasches Stück Brot, für heisses Wasser und ein Stück Seife. Ich lebte in dem Geruch der Strasse und in ihren Geräuschen. Ich versteckte mich in Kirchen aus dem Mittelalter und an Verkehrsampeln wo ich unerkannt wartete, dass der grosse Strom der Menschen weiter ziehen würde. Ich blieb stehen und lauschte den Farben wie einem Gedicht. ...

(Beobachtungen eines Künstlers in Paris)

Paris Letters, Wolf Pehlke 2001, 76 Seiten

 
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